Meine aktuellen Gedanken über Ästhetik
Tja, letzte Woche habe ich es nicht geschafft. Muss mich immer noch an den Gedanken gewöhnen, gelegentlich auch mal weniger als 4.000 Wörter zu schreiben… und dann auch noch keine Bilder? Ooookeeh.
Heute will ich also einfach mal meinen wilden Gedankenhaufen zum Thema Ästhetik des Projekts aufschreiben (und bei der Gelegenheit bisschen aussortieren). Wie die meisten Menschen möchte ich, dass es um mich herum schön ist. Aber was bedeutet das? Es ist sehr, sehr offensichtlich, dass das, was die einen schön finden, andere eher als naja oder auch ziemlich grässlich bezeichnen würden.
Wie es hier im Dorf aussieht
Viele der Häuser hier in unmittelbarer Umgebung sind da ein sehr gutes Beispiel – keines ist grässlich, versteht mich da richtig, aber so richtig gefallen tun sie mir alle nicht wirklich (vielleicht stellenweise). So wie es für mich aussieht, gehört hier zu einem schönen Haus ein moderner Look, fast schon High Tech, klar abgegrenzte, uniforme Farbflächen, meistens weiß oder hellgelb oder sowas, grau geht mit allem, perfekt gemähte Rasenflächen, die entweder drei pizzagroße Flecken mit Margeriten stehen gelassen haben, oder Vorgärten aus Steinen, die ein mittleres Vermögen kosten. Ziegeldächer, Marmorstufen, Blumen in allen Fenstern, Spitzenvorhänge, alles sehr ordentlich und gepflegt. Und absolut uniform und steril.
Das ist nunmal eine logische Konsequenz der konventionellen Bauweise. Rechte Winkel sind am einfachsten und daher billigsten, industriell hergestellte Dinge sehen alle gleich aus (Dachziegel!), und natürlich ist das hier nunmal ein klitzekleines Dorf, wo alle ihre Nasen in die Angelegenheiten aller anderen stecken, oder doch wenigstens über den Nachbarzaun. Ständig! (Meine Lieblingsgeschichte, die ich dazu immer erzähle: Wir waren gerade ein paar Wochen hierhergezogen, als mir auf dem Weg zum Kindi eine Frau begegnete. Sie besah mich kurz von Kopf bis Fuß und fragte ohne Umschweife, wer ich sei und wo ich hingehöre – in breitem ortsüblichen Dialekt, natürlich. Also habe ich meinen Namen gesagt und wo ich wohne, und sie sagte „ach du bist die mit dem Lehmhaus!‟ …)
Also ja, schon etwas gewöhnungsbedürftig. Macht mir nicht viel aus, denn ich gebe hervorragendes Gesprächsmaterial ab und finde das durchaus amüsant. Von daher sollte es für alle Beteiligten nur von Vorteil sein, wenn ich hier mitten im Ort ein wildes, seltsames, wucherndes Haus-mit-Garten baue. Nur diese Steingärten finde ich schon ein bisschen gruselig. Manche sehen aus wie Minifriedhöfe. Oh, und vom tatsächlichen Friedhof darf ich gar nicht erst anfangen – polierter, glänzender Marmor, soweit das Auge reicht, kombiniert mit geschmackvoll-dezent gesetzten Blumenpflänzchen auf rabenschwarzer (wahrscheinlich extra gefärbter) Friedhofserde. Und alle Blumensträuße und Kränze werden SOFORT weggeräumt, sobald das erste Köpfchen anfängt zu sinken. Ich liebe Friedhöfe, aber den nicht so sehr.
Was aber gefällt mir denn?
Eine wunderbare Frage. Auch wenn ganz klar ist, was ich nicht so gerne mag, gibt es doch so vieles, was mir riesig gut gefällt, und Pinterest ist da ja auch eine niemals versiegende Quelle grandioser Ideen und Looks. Ich mag farbenfroh, verspielt, wild und wuchernd, aber ich mag auch minimalistisch, elegant und in gedeckten Naturtönen. Pfff. %-)
Aber vielleicht kann man das ja alles problemlos miteinander verbinden?! Vieles steht auch gar nicht zur Diskussion:
Auf jeden Fall wird es geben:
- Rundungen, organische Formen und gemütliche Kurven überall,
- verschiedenste Pflanzen, Blumen, Gemüse undsoweiter in Hülle und Fülle,
- changierende, vieltönige Naturfarben,
- interessante Holzoberflächen von allen möglichen gefundenen oder aufgetriebenen Brettern und Stämmen, nicht industriell verarbeitet,
- Steine aus der Natur, mit unregelmäßigen Formen und Oberflächen,
- andere Recyclingmaterialien mit eigener Geschichte und Patina.
Und in all dem kann ich gewiss eine Ecke mit einer Hängematte haben, die sich schon vor lauter Kissen und Decken schwer durchbiegt, mit einem schön drapierten Spitzenvorhang und Perlen und Glitzerdingen und hängenden Teelichthaltern und Schnörkeln und ALLEM, und eine andere Ecke (oder ein anderes Zimmer), das ganz spartanisch und aufgeräumt daherkommt. Uiiiii das wird schön :-D
Gedanken zur Dachdeckung
Tatsächlich hat dieser Gedankenhaufen beim Dach angefangen. Der Bebauungsplan für unser Grundstück schreibt uns Dachziegel vor, aber die machen mich optisch so gar nicht an. Mir gefallen Grasdächer, und wenn wir eine Ausnahme beantragen würden, könnten wir auch höchstwahrscheinlich eine Genehmigung dafür bekommen. Allerdings hat so ein Grasdach auch ein paar Nachteile, und ich denke zudem, dass wir sowieso schon eine Reihe von Ausnahmen haben wollen werden… Was also gefällt mir nicht an Ziegeldächern? Vor ein paar Tagen bin ich durch den Ort geschlappt und habe mir eine ganze Reihe von Häusern und Dächern mal etwas näher angeschaut. Dabei fiel mir auf, was für eine unglaubliche Vielzahl von Dachziegelformen es gibt (und auch Farbvarianten), und da sind schon auch einige dabei, die ich ganz hübsch finde – die häufigste Form gefällt mir halt am wenigsten. Aber mir ist dabei bewusst geworden, dass mein eigentliches Problem der Gesamteindruck der meisten Ziegeldächer ist, nämlich „große, gleichförmige, eintönige Fläche‟. DAS ist mein Problem. Also habe ich die letzten Tage über ein Dach aus Recyclingziegeln nachgedacht. Verschiedene Sorten von Ziegeln. Ich habe tatsächlich schon das eine oder andere Dach mit mehreren Ziegelsorten gesehen, und ich denke, wenn man es geschickt und absichtlich macht, kann das auch ein sehr interessantes und ästhetisch ansprechendes Dach ergeben. Und es würde vermutlich genauso öko aussehen wie ein Grasdach! Die Idee gefällt mir…
Mit dem Fluss schwimmen lernen
Was noch? Diese Idee brachte mich auch auf den Gedanken, das Aussehen generell weitgehend vom verfügbaren Material bestimmen zu lassen. Ich meine, ich würde keinen hässlichen alten Kram verbauen, nur weil es damit ginge, aber ich denke, die meisten alten verwendbaren Teile wären nicht hässlich. Vielleicht kann ich es schaffen, meine Vorstellungen über die Ästhetik des Ergebnisses einfach mal sausen zu lassen, und stattdessen mit viel Freude Material auftreiben und sehen, was sich daraus gestalten lässt. Dieser Gedanken ist natürlich überhaupt nicht neu, aber ich hatte damit bislang eher große Schwierigkeiten. Scheint jetzt aber besser zu klappen. :-)
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