Hausgemeinschaft vs. Häusergemeinschaft

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Heute was Kurzes, damit ich wieder ins Schreiben komme: Ich hatte am Samstag Gelegenheit, mit netten Menschen über Wohnen in Gemeinschaft zu diskutieren. Mir fiel dabei auf, dass bei weitem nicht alle gemeinschaftssuchenden Menschen darunter das Gleiche verstehen.

Häusergemeinschaft

Leute draußen in der SonneDie meisten (jedenfalls von denen, die mir bislang begegnet sind), wollen nämlich in einer losen Gemeinschaft mit anderen zusammenleben, zum Beispiel in einer Häusergemeinschaft, wo mehrere kleine Häuser beisammenstehen und einen gemeinschaftlichen Feuerplatz haben, oder klassischerweise eine Wagenburg. Man ist also einer Gemeinschaft in irgendeiner Form solidarisch verbunden, wohnt aber in eigenen Räumen, meist auch mit eigener Küche, vielleicht mit gemeinsamen Waschräumen im Falle der Wagenburg.

… oder Hausgemeinschaft?

Und dann gibt es noch ein paar eher wenige Leute wie mich, die tatsächlich mit anderen Leuten im gleichen Haus, in der gleichen Wohnung wohnen möchten. Die eine gemeinsame Küche und ein gemeinsames Bad und ein gemeinsames Wohnzimmer und überhaupt das meiste gemeinsam haben wollen. Das ist natürlich, ich würde es nie bestreiten, ungleich schwieriger und erfordert viel mehr Kommunikation, Toleranz und Gemeinschaftsfähigkeit. Aber woher kommt dieser Unterschied?

Der Knackpunkt aus meiner Sicht

alleinerziehend mit BabyAus meiner Erfahrung nach haben erstere Leute keine (kleinen) Kinder – und wenn ich jetzt so drüber nachdenke, sind sie vermutlich auch weitestgehend – äh, unbehindert? Im Englischen gibt es da dieses praktische Wort able-bodied, wörtlich „fähig-bekörpert“. Für Leute, die über ihre Zeit verfügen können, wie sie wollen, und auch sonst in der Lage, zu kommen und zu gehen, wie es ihnen gerade einfällt, ist die Häusergemeinschaft ein angenehmes Konstrukt. Wenn man Gesellschaft wünscht, ist sie nie weit, man kann sie einfach aufsuchen, und wenn man genug hat, geht man wieder. (Vielleicht habe ich das jetzt etwas zugespitzt ausgedrückt.)

Und wie ist es in so einem Arrangement, wenn man ein kleines Kind hat (oder womöglich sogar mehrere)? Wenn man nicht gut laufen kann, oder Angstzustände beim Verlassen des Hauses bekommt, oder depressiv ist? Dann ist es, kurz gesagt, untauglich. Denn dann hat man selbst herzlich wenig davon, weil man eben nicht Gesellschaft aufsuchen und wieder verlassen kann, wie man will – aber man muss in der Regel noch zusätzlich Aufgaben für die Gemeinschaft übernehmen.

Kleiner Disclaimer von mir

Über die Probleme von Leuten mit diesbezüglich relevanten Behinderungen, nehmen wir mal Gehbehinderungen, kann ich nicht aus eigener Erfahrung berichten, aber ich sehe sehr viele Parallelen zu dem Zustand, den alleinerziehende Mütter von kleinen Kindern nur zu gut kennen. In der Stadt mit dem Kinderwagen/Rollstuhl unterwegs, und überall sind Treppen? Check. Anziehen dauert ewig? Check. Man ist ständig müde und erschöpft und am Ende der eigenen Kräfte? Check. Und obendrein kommen dann irgendwelche „normalen“ Leute und wollen was, was in ihren Augen „ja nur eine Kleinigkeit“ ist und gleich erledigt? Check!

Definitiver Unterschied, den ich allerdings auch sehe: Mit Kindern ist es trotz allem immer noch viel einfacher. Zum einen geht es irgendwann mit Sicherheit vorbei, und man kann wieder machen, was man selbst will. Zum anderen kann man sie eine Weile abgeben, wenn man eine Pause braucht. Und zum dritten muss man sich, glaube ich, noch deutlich weniger mit unverschämtem, unhöflichem und grobem Verhalten von anderen Leuten herumplagen. Von daher gilt Menschen mit Behinderungen meine größte Hochachtung, denn ich persönlich fand das Leben als alleinerziehende Mutter zweier Kinder schon knochenhart.

Es geht auch anders

Ich werd’s auch nie vergessen, wie das war, es war schrecklich. Und es war unnötig. Ich hatte in dem Wohnprojekt, in dem mein Jüngster dann zur Welt kam, das große Glück, eine etwas jüngere Mitbewohnerin zu haben, die zur gleichen Zeit schwanger war. Ihre Tochter kam drei Monate vor meinem Sohn zur Welt. Wir waren beide (weitgehend, aber das ist kompliziert) alleinerziehend, sie mit einem Kind und ich mit dreien. Wir wohnten auf dem gleichen Stock und unsere Zimmer lagen einander gegenüber. Und ich wusste noch, wieviel Gedanken man sich beim ersten Kind macht, wieviel endlose Sorgen, wie schnell man zum Arzt rennt, wie hilflos man sich fühlt, wie völlig überfordert. Und das wird wirklich besser bis zum dritten Kind :-)

Jedenfalls war es für mich ja überhaupt kein Ding, ihr mit Rat und Tat beiseite zu stehen. Dein Baby hat rote Flecken am Kopf? Kommt vor bei Säuglingen, wenn sie sonst nichts hat, beobachte es ein, zwei Tage (war gleich wieder weg). Baby schläft und Du möchtest zwanzig Minuten raus für einen kleinen Abendspaziergang? Kein Problem, ich habe ein Ohr drauf und rufe Dich in der Not auf dem Handy an. Du willst kurz duschen? Na klar, die Kleinen spielen hier gerade sehr nett, ich bin da. Die Kleine hat Fieber? Trinkt sie noch gut? Dann kannst Du in Ruhe schauen, wie es sich entwickelt, und musst nicht in Panik sofort ins Krankenhaus fahren. Undsoweiter…

Und all das war überhaupt kein Ding, auch nicht für mich mit meinen drei Kindern und meiner Perma-Erschöpfung, weil wir räumlich nur durch zwei Zimmertüren getrennt waren. Wenn wir Haus an Haus gewohnt hätten, oder tatsächlich auch nur Wohnung an Wohnung, wäre es schon viel komplizierter gewesen. Ich erinnere mich vor allem an eine Begebenheit, als die Kleine schon krabbeln konnte. Sie hatte ihren Arm irgendwie in der Balkontür, an der Stelle, wo das Metallding einrastet, und die Tür fiel zu. Das Metallding schnitt in den Babyarm, das Kind schrie wie am Spieß, meine Mitbewohnerin bekam einen absoluten Panikanfall. Habt ihr schonmal versucht, mit einem Panikanfall ein schreiendes Kind zu beruhigen?

Weil ich ja weiß, dass das einfach nicht funktioniert, schnappte ich das Kind, bevor seine Mutter auch nur aufstehen konnte, sagte ihr, dass ich mich kümmere und sie erstmal sich wieder einfangen soll, und ging anschließend sofort mit dem Kind auf dem Arm außer Hörweite. Ich sah mir die Verletzung an: es blutete kaum und war vom Babyspeck (von dem unsere beiden Kinder reichlich hatten) gut abgefangen worden. Also sagte ich das der Kleinen, trug sie ein wenig auf und ab, hab ja Übung… fünf Minuten später waren alle Tränen getrocknet und der Schmerz vergessen. Pflaster drauf, alles gut. Ihre Mutter hat deutlich länger gebraucht, um sich von dem Schreck zu erholen! :-) Und ich will gar nicht wissen, wie das gelaufen wäre, wenn ich nicht in der Nähe gewesen wäre.

Mein Fazit

Alleinerziehende und Behinderte, tut euch zusammen!! Im Ernst. Es ist so einfach und tut so gut, sich gegenseitig zu unterstützen. Das war absolut meine beste Zeit im Wohnprojekt, weil ich so gut wie ohne Aufwand jemandem so viel helfen konnte (außer dass es ansonsten eine schreckliche Zeit war, aber das lag an was Anderem). Es war für mich definitiv ein wunderbares Arrangement, und ich würde es liebend gerne und jederzeit wieder haben. Natürlich muss man reden, und vor allem muss man über richtig schwierige, tiefgehende Themen sprechen, wenn es längerfristig klappen soll. Kindererziehungsrichtlinien zum Beispiel! Aber lohnt es sich? Immer, in jedem Fall! Nicht nur, dass sich die Last viel, viel angenehmer auf den Schulter mehrerer Erwachsener verteilt – auch die Kinder sind bei mehreren Erwachsenen ganz anders aufgehoben. Meiner Erfahrung nach tun sie sich in größeren Gruppen viel leichter damit, gerne und gut zu essen, sie sind generell ausgeglichener, lernen andere Lebensentwürfe kennen, haben mehr Vorbilder zur Auswahl und werden schneller selbständig. Unter dem Strich ist es nur gut! Man muss halt an sich selbst und den Kindern wachsen wollen – aber soll ich euch was verraten? Wenn man Kinder hat, kommt man da sowieso nicht wirklich drumrum.

Zum Abschluss eine kleine Bemerkung am Rande: Wir suchen Mitbewohner/innen, am besten mit Kindern! ;-D